Ein CTO eines mittelständischen Unternehmens sucht nach „Alternativen zu Microsoft 365". Die erste Ergebnisseite: zehn Listicles, acht mit Affiliate-Links, alle empfehlen die gleichen fünf Tools mit den gleichen Sternebewertungen. Keiner erwähnt, dass Nextclouds kollaboratives Editieren noch nicht auf Google-Docs-Niveau ist. Keiner erklärt, dass openDesk sechs unabhängige Projekte integriert und die Nahtstellen sichtbar sind. Keiner stellt die Frage, die eigentlich zählt: Welches konkrete Problem lösen Sie — und zu welchem Preis?

Diese Lücke — zwischen dem Marketing und der technischen Realität — ist der Ort, an dem Fehlentscheidungen entstehen. Organisationen wechseln von einer Abhängigkeit in die nächste. Migrationen scheitern, weil niemand die Kompatibilitätsprobleme bei Dokumenten erwähnt hat. Pilotprojekte kommen ins Stocken, weil die Gesamtbetriebskosten nur mit Lizenzkosten kalkuliert wurden, nicht mit dem operativen Overhead.

Was diese Seite ist

digital-independence.org ist ein nicht-kommerzielles Projekt. Keine Affiliate-Links, keine gesponserten Inhalte, keine Werbung, kein Tracking über anonyme Seitenaufrufstatistiken hinaus.

Es werden Milliarden in digitale Infrastruktur investiert, Reden gehalten, Strategiepapiere veröffentlicht. Aber die Herde läuft weiter. Unternehmen verlängern dieselben Lizenzverträge, planen dieselben Migrationen, schulen Personal für dieselben Systeme — ohne innezuhalten und nach vorne zu schauen.

Diese Seite wird die Herde nicht aufhalten. Was sie bieten kann, ist der Überblick — die Möglichkeit, stehen zu bleiben und die eigene Situation realistisch einzuschätzen. Wir schreiben Langform-Analysen zu den Technologien, Regulierungen und strategischen Entscheidungen, die bestimmen, ob Organisationen und Einzelpersonen die Kontrolle über ihre eigene digitale Infrastruktur behalten können — oder ob sich ihre Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und Rechtsordnungen vertiefen wird.

Unser Ausgangspunkt: Digitale Unabhängigkeit ist keine politische Position. Sie ist das unverhandelbare Menschenrecht auf Freiheit, Unverletzbarkeit und Selbstbestimmung — angewandt auf die digitale Welt. Das gilt unabhängig von Herkunft, Standort oder politischem System.

Daraus folgt ein sachlicher, nicht-parteiischer Rahmen. Wir argumentieren, dass Konzentrationsrisiko ein Management-Problem ist: Wenn Ihre gesamte Infrastruktur auf der Plattform eines einzigen Anbieters läuft, unter der Jurisdiktion eines einzigen Landes, zu Lizenzbedingungen, die Sie nicht verhandeln können, dann haben Sie einen Single Point of Failure akzeptiert. Ob Sie das beunruhigt, ist eine rationale Kalkulation — und diese Kalkulation sieht in Nairobi nicht anders aus als in München.

Was wir behandeln

Jeder Artikel folgt der gleichen Struktur: Was existiert, was funktioniert, was nicht funktioniert und was man dagegen tun kann — mit konkreten Zeitplänen und Kostenschätzungen. Wir schreiben aus einem europäischen Kontext, weil hier die regulatorischen Rahmenbedingungen unmittelbar relevant sind. Das Prinzip dahinter ist universell.

  • Der souveräne Arbeitsplatz: openDesk, LaSuite, MijnBureau — was im Einsatz ist, was noch reift und was Microsofts Sovereign-Cloud-Antwort bedeutet.
  • Cloud-Souveränität: Europäische Anbieter zum 3–5-fachen Preisvorteil, der Data Act, der Wechselgebühren abschafft, und die Lücke bei Managed Services, die Organisationen bei Hyperscalern hält.
  • Identitäts-Souveränität: Die DigiD-Kontroverse, eIDAS 2.0, Keycloak vs. Okta — und warum Identität die Infrastruktur ist, an die niemand denkt, bis es zu spät ist.
  • KI-Souveränität: Open-Weight-Modelle, europäische Rechenkapazität, der AI Act und warum Sie einen souveränen KI-Stack für 150 €/Monat betreiben können.
  • Linux im öffentlichen Sektor: München, Schleswig-Holstein, die französische Gendarmerie, das italienische Militär — was funktioniert hat, was nicht, und warum die Dringlichkeit real ist.
  • Digitale Souveränität in Europa: Die politische Landschaft — Merz’ Rede, der Berliner Gipfel, die Parlamentsabstimmung — und was das für Beschaffungsentscheidungen bedeutet.

Für wen das ist

  • CTOs und IT-Leiter, die Alternativen zu proprietärer Infrastruktur evaluieren — und die ehrliche Einschätzung brauchen, nicht den Affiliate-Pitch
  • Systemadministratoren, die Migrationen planen — und wissen müssen, was scheitert, bevor sie beginnen
  • Beschaffungsverantwortliche, die Ausschreibungen verfassen — und die technische Tiefe brauchen, um Anbieter-Claims zu bewerten
  • Alle, die diese Landschaft durch technische Analyse verstehen wollen statt durch Marketing oder politische Rhetorik

Prinzipien

Ehrlich bei Trade-offs. Open Source ist nicht immer günstiger. Self-Hosting ist nicht immer besser. Europäische Anbieter haben echte Lücken bei Managed Services. Wir sagen das. Wir haben auch einen ganzen Artikel darüber geschrieben, wo digitale Unabhängigkeit aufhört, sinnvoll zu sein — weil Glaubwürdigkeit erfordert, Grenzen anzuerkennen, nicht nur das Argument zu machen.

Sachlich, nicht parteiisch. Wir vertreten keine Partei, kein Land und kein Lager. Die Frage ist nicht „Anbieter A gegen Anbieter B" oder „Land X gegen Land Y" — sondern: Wie viel Konzentrationsrisiko ist akzeptabel, und was kostet die Reduktion tatsächlich? Jede Empfehlung auf dieser Seite ist als Risiko-Kosten-Nutzen-Rechnung formuliert.

Technisch konkret. Wir nennen Versionen, Kosten, Zeitpläne und Einschränkungen. „Erwägen Sie Open-Source-Alternativen" ist nutzloser Rat. „Deployen Sie Mistral 7B auf einem Hetzner-GPU-Server für 150 €/Monat für ein Team von 20–50 Personen" ist handlungsfähig.

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