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Betriebssysteme


Linux im öffentlichen Sektor

Im Oktober 2019 schaltete Adobe sämtliche Dienste in Venezuela ab — von einem Tag auf den anderen, ohne Vorwarnung, aufgrund einer US-Executive-Order. Keine Übergangsfrist. Keine Alternative. Jedes venezolanische Unternehmen, jede Behörde, jeder Freiberufler, der auf Adobes Cloud angewiesen war, verlor schlicht den Zugang.

Drei Jahre später wiederholte sich das Muster im größeren Maßstab. Als die Russland-Sanktionen griffen, suspendierte Microsoft den Vertrieb, Oracle stellte den Cloud-Betrieb ein, SAP den Vertrieb. Ganze Länder erfuhren, was Abhängigkeit von US-Software bedeutet, wenn sich der politische Wind dreht.

Europa ist nicht Venezuela. Es ist nicht Russland. Aber jede europäische Verwaltung, die ihren Betrieb auf Microsoft 365 abwickelt, hat dieselbe Abhängigkeitsarchitektur akzeptiert — und dieselben Lizenzbedingungen, die einen Entzug technisch ermöglichen.

Vier europäische Institutionen haben zu verschiedenen Zeitpunkten und aus verschiedenen Gründen beschlossen, nicht auf diesen Tag zu warten. Ihre Erfahrungen — über zwei Jahrzehnte, mehr als 200.000 Arbeitsplätze und sehr unterschiedliche Ergebnisse hinweg — sind die aufschlussreichste Evidenz dafür, was es tatsächlich braucht, um die Abhängigkeit von proprietärem Lock-in auf dem Desktop zu überwinden.

Warum das jetzt dringlich ist: Software-Lizenzen als außenpolitische Waffe

Lange war digitale Souveränität ein abstraktes Konzept — wichtig, aber nicht dringend. Das hat sich geändert.

2022 zeigten die Russland-Sanktionen, was passiert, wenn US-Technologiekonzerne Dienste und Lizenzen auf politischen Druck hin abschalten. Microsoft suspendierte den Verkauf neuer Produkte und Dienste in Russland. Oracle stellte den Cloud-Betrieb ein. SAP setzte den Vertrieb aus. Adobe hatte bereits 2019 sämtliche Dienste in Venezuela abgeschaltet — von einem Tag auf den anderen, ohne Vorwarnung, aufgrund einer Executive Order. GitHub schränkte den Zugang für Entwickler in sanktionierten Ländern ein. Und als die USA Huawei auf die Entity List setzten, war Google gezwungen, den Zugang zu Android-Diensten zu kappen — ein Betriebssystem, das auf Milliarden Geräten läuft.

Diese Fälle betreffen Länder, gegen die Sanktionen verhängt wurden. Aber sie etablieren eine strukturelle Tatsache: US-Software-Lizenzen unterliegen US-Recht, einschließlich Exportkontroll- und Sanktionsbestimmungen — was bedeutet, dass die Lizenzkontinuität von den politischen Entscheidungen einer ausländischen Jurisdiktion abhängt.

Die Standard-Lizenzbedingungen von Microsoft, Oracle, Google und praktisch jedem US-Softwareanbieter enthalten Klauseln zur Einhaltung von US-Exportkontrollgesetzen und Sanktionsregimen. Das ist keine Verschwörungstheorie — es steht in den EULAs, die jede Organisation bei der Installation akzeptiert.

Für jede Organisation, deren Infrastruktur auf Lizenzen unter einer ausländischen Jurisdiktion basiert, stellt sich eine unbequeme Frage: Was passiert, wenn sich die Beziehung zwischen dieser Jurisdiktion und Ihrer ändert? Die Lizenzbedingungen, die Abschaltungen in Venezuela und Russland ermöglichten, stehen in jeder EULA, die europäische Organisationen unterzeichnet haben. Die Wahrscheinlichkeit unterscheidet sich; der Mechanismus ist identisch.

Dabei ist eine Einordnung nötig: Europa ist NATO-Verbündeter, und die EU ist der größte Handelspartner der Vereinigten Staaten — kein sanktionierter Gegner. US-Technologiekonzerne haben ein enormes wirtschaftliches Interesse am europäischen Markt. Die Wahrscheinlichkeit eines pauschalen Lizenzentzugs gegenüber EU-Mitgliedstaaten ist deutlich geringer als im Fall Russlands oder Venezuelas. Aber das Argument für digitale Souveränität beruht nicht auf dem wahrscheinlichsten Szenario — es beruht auf Resilienz gegenüber unwahrscheinlichen, aber folgenschweren Störfällen.

Dass diese Abhängigkeit inzwischen auf höchster politischer Ebene als Problem erkannt wird, zeigte die Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte in seiner Eröffnungsrede: „Niemand hat uns in die übermäßige Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten gezwungen. Diese Unmündigkeit war selbst verschuldet." Und weiter: „Wettbewerbspolitik ist Sicherheitspolitik und Sicherheitspolitik Wettbewerbspolitik. Genau deshalb wollen wir Treiber des Fortschrittes in den Zukunftstechnologien sein."

Operativ übersetzt: Das Konzentrationsrisiko wurde nicht aufgezwungen — es resultierte aus Beschaffungsentscheidungen, die kurzfristigen Komfort über langfristige Resilienz stellten. Ob diesen Worten eine konkrete Beschaffungspolitik folgen wird, bleibt offen — zum Zeitpunkt der Rede wurden keine konkreten Maßnahmen angekündigt.

Und wer glaubt, man könne Alternativen einfach „in der Hinterhand" halten und im Notfall aktivieren, verkennt die Realität: Eine Migration dauert Jahre, nicht Wochen. Schleswig-Holstein plant mit 5–7 Jahren. Die Gendarmerie hat zwei Jahrzehnte gebraucht. Wenn die Lizenzen von einem Tag auf den anderen wegfallen — wie in Venezuela geschehen — und die gesamte Verwaltung auf Microsoft 365 läuft, steht nicht nur die IT still. Es stehen die Behörden still. Ein Lizenzausfall plus Notfall-Migration ist ein Szenario, das keine Verwaltung verkraftet.

Das Argument ist deshalb nicht: Wir sollten Alternativen kennen. Das Argument ist: Wir müssen bereits migriert haben — oder zumindest so weit auf dem Weg sein, dass ein Lizenzentzug ein handhabbares Problem ist und kein Totalausfall.

Digitale Souveränität bedeutet nicht, jede US-Software abzulehnen. Sie bedeutet, die Abhängigkeit so weit reduziert zu haben, dass ein Wegfall keine Katastrophe auslöst.

Vier Institutionen — in München, Schleswig-Holstein, Paris und Rom — haben genau das versucht. Ihre Erfahrungen sind es wert, genauer betrachtet zu werden.

München: Eine politische, keine technische Niederlage

Die Geschichte beginnt am 28. Mai 2003. Der Münchner Stadtrat beschließt mit großer Mehrheit, die über 14.000 Verwaltungs-PCs von Windows NT und Microsoft Office auf Linux und Open-Source-Software zu migrieren. Es ist ein Paukenschlag. Steve Ballmer, damals CEO von Microsoft, fliegt persönlich nach München, um Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) Sonderkonditionen anzubieten. Ude lehnt ab.

Das LiMux-Projekt — benannt nach der eigens entwickelten Linux-Distribution — wird über die nächsten zehn Jahre umgesetzt. 2013 ist die Migration im Wesentlichen abgeschlossen. Die Stadt beziffert die Kosten auf rund 23 Millionen Euro. Eine interne Studie kommt zum Ergebnis, dass ein vergleichbares Windows-Szenario etwa 34 Millionen Euro gekostet hätte.

Was wirklich schiefging

Die technischen Probleme von LiMux waren real, aber beherrschbar. Eine eigene Distribution zu pflegen war aufwendig. Manche Fachanwendungen hatten keine Linux-Version. Die Kompatibilität mit Microsoft-Office-Dokumenten war nicht perfekt — ein Problem, das sich durch externe Partner verschärfte, die weiterhin .docx und .xlsx schickten.

Doch LiMux scheiterte nicht an der Technik. Es scheiterte an der Politik.

2014 wird Dieter Reiter (SPD) zum neuen Oberbürgermeister gewählt. Im Wahlkampf hat er versprochen, die „IT-Probleme der Stadt zu lösen" — eine kaum verhohlene Chiffre für die Rückkehr zu Microsoft. 2016 verlegt Microsoft seine Deutschlandzentrale von Unterschleißheim nach München-Schwabing. Die Beratungsfirma Accenture wird beauftragt, die IT-Landschaft zu evaluieren — dieselbe Accenture, die als Microsoft-Partner bekannt ist. Die Empfehlung: Rückkehr zu Microsoft.

2017 stimmt der Stadtrat für die Rückkehr zu Windows und Microsoft Office. Die geschätzten Kosten der Rückmigration: zwischen 49 und 100 Millionen Euro — ein Vielfaches der ursprünglichen LiMux-Investition.

Die Lehre

München zeigt, dass eine technisch erfolgreiche Migration politisch zerstört werden kann, wenn sie nicht organisatorisch verankert ist. Ein Stadtratsbeschluss kann einen anderen aufheben. Ein neuer Bürgermeister kann die IT-Strategie einer ganzen Stadt umkehren — wenn die Migration nur auf einem politischen Mandat und nicht auf einer institutionellen Verankerung beruht.

Seit 2020 verfolgt München unter einer neuen Koalition (Grüne/SPD/Volt) wieder einen offeneren Kurs. Ein Open Source Program Office (OSPO) wurde eingerichtet. Aber die verlorenen Jahre und das verlorene Geld lassen sich nicht zurückholen.

Schleswig-Holstein: Den Fehler nicht wiederholen

Wenn München das Beispiel dafür ist, wie man es nicht machen sollte, dann ist Schleswig-Holstein der Versuch, es besser zu machen.

2021, unter Digitalminister Jan Philipp Albrecht (Grüne), fasst das nördlichste Bundesland einen Grundsatzbeschluss: Raus aus der Abhängigkeit von Microsoft. Aber nicht als Hauruck-Aktion, sondern als systematische, mehrjährige Transformation. Der Ansatz basiert auf sechs Säulen:

  1. LibreOffice statt Microsoft Office
  2. Linux statt Windows (in späteren Phasen)
  3. Nextcloud für Dateisynchronisation
  4. openDesk für die Kollaborationsplattform
  5. Element/Matrix für Messaging
  6. Open-Xchange für E-Mail und Kalender

Der entscheidende Unterschied: Anwendungen zuerst

Was Schleswig-Holstein von München unterscheidet, ist die Reihenfolge. Statt mit dem Betriebssystem zu beginnen — dem sichtbarsten und emotionalsten Thema —, hat das Land mit den Anwendungen angefangen. LibreOffice zuerst, dann E-Mail, dann der Rest. Das Betriebssystem kommt zuletzt.

Diese Strategie hat einen praktischen Vorteil: Wenn die Nutzer bereits mit LibreOffice und Open-Xchange arbeiten, ändert sich beim Wechsel des Betriebssystems kaum noch etwas an ihrem Arbeitsalltag. Der gefürchtete „Produktivitätseinbruch" fällt deutlich geringer aus.

Zahlen und Fortschritt

Bis Ende 2025 war die LibreOffice-Migration auf rund 80 % der 30.000 Arbeitsplätze abgeschlossen. Die E-Mail-Migration zu Open-Xchange — mit mehr als 44.000 Postfächern und 110 Millionen E-Mails und Kalendereinträgen — wurde im Oktober 2025 vollständig umgesetzt. Die Linux-Migration befindet sich in der Pilotphase.

Das finanzielle Bild ist eindeutig: 15 Millionen Euro eingesparte Lizenzkosten bisher, von denen 9 Millionen Euro direkt in Open-Source-Entwicklung reinvestiert wurden. Im Juni 2025 richtete das Land ein eigenes Open Source Programme Office (OSPO) unter Leitung von Nicole Beckendorf ein, um die Strategie langfristig zu koordinieren — und hat die länderübergreifende Zusammenarbeit mit Thüringen sowie die internationale Kooperation mit Estland (über X-Road) aufgenommen.

Politische Verankerung

Der vielleicht wichtigste Faktor: Die Migration hat einen Regierungswechsel überlebt. Als die CDU 2022 die Grünen in der Landesregierung ablöste, führte der neue CDU-Digitalstaatssekretär Dirk Schrödter den Kurs nicht nur fort — er verteidigte ihn öffentlich. In einem viel beachteten Brief legte er dar, warum die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter ein Risiko für die öffentliche Verwaltung darstellt.

Diese überparteiliche Verankerung ist das, was München fehlte. In Schleswig-Holstein ist die Open-Source-Strategie keine Frage von Grün oder Schwarz, sondern eine pragmatische Entscheidung über die Zukunft der Landes-IT.

Ehrlich über Probleme

Schleswig-Holstein verschweigt die Schwierigkeiten nicht. Richter benötigen spezielle Formatvorlagen, die in LibreOffice noch nicht vollständig umgesetzt sind. Die Polizeigewerkschaft hat anfänglich Widerstand geleistet. Bestimmte Fachsoftware — CAD-Systeme, forensische Werkzeuge — wird absehbar auf Windows bleiben müssen.

Die Antwort des Landes darauf ist nicht „alles muss Linux sein", sondern: „Keine neuen Microsoft-Lizenzen, wo es Alternativen gibt." Pragmatismus statt Dogmatismus.

Die französische Gendarmerie: 20 Jahre, 103.000 Rechner, kein Hype

Während München Schlagzeilen machte und Schleswig-Holstein Strategiepapiere veröffentlichte, hat die französische Gendarmerie etwas getan, was beides in den Schatten stellt: Sie hat die größte Linux-Desktop-Migration in Europa durchgeführt — leise, über zwei Jahrzehnte, und sie läuft bis heute.

Die Chronologie

  • 2004: Beginn mit Firefox (statt Internet Explorer) und OpenOffice (statt Microsoft Office)
  • 2005–2007: Weitere Anwendungsmigrationen, interne Evaluation von Linux-Distributionen
  • 2008: Erste GendBuntu-Installation auf Arbeitsplätzen (eine auf Ubuntu basierende, intern angepasste Distribution)
  • 2014: Rund 70.000 Arbeitsplätze auf GendBuntu
  • Juni 2024: 103.164 Arbeitsplätze, 97 % auf GendBuntu

Die Zahlen sind beeindruckend. Aber die Methodik ist es noch mehr.

Warum es funktioniert

Inkrementelle Migration. Die Gendarmerie hat denselben Ansatz gewählt wie später Schleswig-Holstein: Zuerst die Anwendungen, dann das Betriebssystem. Als 2008 die ersten Linux-Desktops ausgerollt wurden, arbeiteten die Nutzer bereits seit vier Jahren mit Firefox und OpenOffice. Der Wechsel des Betriebssystems war nur noch die letzte Stufe.

Internes IT-Team. Lieutenant-Colonel Xavier Guimard, später Colonel, trieb die Migration mit technischer Expertise und militärischer Zielstrebigkeit voran. Das interne Team pflegt GendBuntu, passt es an die Bedürfnisse der Gendarmerie an und stellt den Support sicher. Es gibt keine externe Abhängigkeit von einem Distributor.

Militärische Struktur. In einer militärischen Organisation sind Entscheidungen verbindlich. Es gibt keine Bürgermeisterwahl, die den Kurs umkehren kann. Wenn der Befehl lautet „Wir migrieren zu Linux", dann wird migriert. Das ist ein Vorteil, der sich nicht eins zu eins auf zivile Verwaltungen übertragen lässt — aber er zeigt, dass das Problem bei gescheiterten Migrationen selten die Technik ist.

Kosteneffizienz. Die Gendarmerie beziffert die Einsparung auf rund 40 % der Gesamtbetriebskosten (TCO) gegenüber einem Windows-Äquivalent. Diese Zahl umfasst nicht nur Lizenzkosten, sondern auch Wartung, Support und Hardwarelebenszyklen — Linux-Systeme können auf älterer Hardware länger betrieben werden.

Was man daraus nicht schließen sollte

Die Gendarmerie-Migration ist ein Beweis dafür, dass Linux im großen Maßstab funktioniert. Aber es wäre falsch, sie als Blaupause für jede Organisation zu betrachten. Das interne IT-Team ist groß und hochqualifiziert. Die militärische Befehlsstruktur eliminiert politische Unsicherheiten. Und auch die Gendarmerie hat 3 % ihrer Systeme auf Windows belassen — für Anwendungen, die keine Linux-Version haben.

Das italienische Militär: Office-Migration ohne Betriebssystemwechsel

Nicht jede Migration muss den Desktop bis zum Betriebssystem umkrempeln. Das italienische Verteidigungsministerium hat 2015 begonnen, seine rund 150.000 Arbeitsplätze auf LibreOffice und das Open Document Format (ODF) umzustellen — ohne das Betriebssystem zu wechseln. Das Projekt „LibreDifesa" betrifft ausschließlich die Office-Suite.

Dieser Ansatz ist weniger radikal, aber keineswegs weniger relevant. Microsoft-Office-Lizenzen für 150.000 Arbeitsplätze sind ein erheblicher Kostenfaktor. Und der Wechsel zu ODF als nativem Dokumentenformat schafft die Voraussetzung für spätere Wahlfreiheit — auch beim Betriebssystem. Es ist exakt der erste Schritt, den auch Schleswig-Holstein gegangen ist.

Das italienische Beispiel zeigt: Man muss nicht den ganzen Weg auf einmal gehen. Schon der Wechsel der Office-Suite zu LibreOffice und der Datenformate zu ODF reduziert die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter erheblich — und öffnet Türen, die vorher verschlossen waren.

Muster des Erfolgs

Die vier Fälle unterscheiden sich in Größe, Struktur und Ambition — aber die Migrationen, die funktioniert haben, folgen einer gemeinsamen Logik.

Zuerst die Anwendungen, dann das Betriebssystem. Sowohl Schleswig-Holstein als auch die Gendarmerie haben erst Office-Software und E-Mail migriert, dann das Betriebssystem angefasst. München hat beides parallel gemacht, was die Komplexität multipliziert und Kritikern eine breitere Angriffsfläche geboten hat. Als die Gendarmerie 2008 ihre ersten Linux-Desktops ausrollte, arbeiteten die Nutzer seit vier Jahren mit Firefox und OpenOffice. Der Betriebssystemwechsel fiel kaum auf.

In Jahren denken, nicht in Quartalen. Die Gendarmerie hat zwei Jahrzehnte gebraucht. Schleswig-Holstein plant mit fünf bis sieben Jahren. Jeder Versuch, eine Migration in eine Legislaturperiode zu pressen, ist entweder gescheitert oder hat brüchige Ergebnisse produziert.

Die Entscheidung über eine einzelne Regierung hinaus verankern. Münchens Kehrtwende beweist, dass ein Stadtratsbeschluss ein Jahrzehnt Arbeit zunichte machen kann. Schleswig-Holstein überlebte den Wechsel von Grün zu CDU, weil die Migration als pragmatische Infrastrukturpolitik gerahmt war — nicht als ideologisches Projekt. Die Befehlsstruktur der Gendarmerie eliminierte politische Unsicherheit vollständig.

Interne Kompetenz aufbauen, bevor man sie braucht. Jede erfolgreiche Migration wurde von einem internen Team getragen, das den neuen Stack verstand. Das Outsourcing dieser Kompetenz an Berater — die möglicherweise eigene Anbieterbeziehungen pflegen — ist der Weg, auf dem München zu einer Accenture-Evaluation kam, die die Rückkehr zu Microsoft empfahl.

Akzeptieren, dass nicht alles migriert werden wird. Keine erfolgreiche Migration hat 100 % der Systeme umgestellt. Fachanwendungen, die Windows erfordern, wird es weiterhin geben. Das offen anzuerkennen und Dual-Boot- oder Virtualisierungslösungen zu planen ist kein Scheitern — es ist die Professionalität, die den Rest der Migration glaubwürdig macht.

Und vor allem: mit offenen Standards beginnen. ODF statt .docx, CalDAV statt proprietäre Kalendersysteme, IMAP statt Exchange. Wer seine Daten in offenen Formaten hat, hat Optionen. Wer in proprietären Formaten steckt, hat keine — unabhängig davon, ob das alternative Betriebssystem technisch bereit ist.

Desktop Linux 2026: Was sich geändert hat

Die technische Landschaft hat sich seit den Anfängen von LiMux erheblich verändert.

Wayland hat X11 als Standard-Display-Server in den meisten Distributionen abgelöst. Das bedeutet bessere Unterstützung für HiDPI-Displays, bessere Sicherheitsisolation zwischen Anwendungen und stabilere Grafikleistung.

NVIDIA hat 2024 seine Kernel-Treiber als Open Source veröffentlicht — ein Wendepunkt für Linux auf dem Desktop, da NVIDIA-Grafikkarten lange das größte Hardwareproblem darstellten.

Active Directory-Alternativen wie FreeIPA und Samba AD haben sich so weit entwickelt, dass sie für viele Anwendungsfälle als Ersatz für Microsofts Verzeichnisdienst dienen können. Für Verwaltungen, die nicht auf Active-Directory-spezifische Gruppenrichtlinien angewiesen sind, ist das eine realistische Option.

Drucken — lange eine Schwachstelle — wurde durch CUPS 3.0 und IPP Everywhere deutlich verbessert. Treiber-Chaos gehört weitgehend der Vergangenheit an.

Und auf politischer Ebene hat sich ebenfalls viel getan. openDesk, die vom Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) entwickelte Open-Source-Arbeitsplatzumgebung, hat 2024 Version 1.0 erreicht. Dänemark hat eine Machbarkeitsstudie zur Linux-Migration gestartet. Und eine europäische Bürgerinitiative für „EU-Linux" sammelt Unterschriften.

Was bleibt

Die vier Fallstudien erzählen keine einfache Geschichte. München zeigt, dass technischer Erfolg politisch zunichte gemacht werden kann. Schleswig-Holstein zeigt, dass es besser geht — mit System, Geduld und überparteilichem Konsens. Die französische Gendarmerie zeigt, dass Linux im Großeinsatz funktioniert und erheblich Geld spart — unter den richtigen organisatorischen Bedingungen. Und das italienische Militär zeigt, dass schon der erste Schritt — der Wechsel der Office-Suite — einen erheblichen Unterschied machen kann.

Für Organisationen, die eine Migration erwägen, lassen sich aus diesen Erfahrungen konkrete Schritte ableiten — nach Dringlichkeit geordnet:

Sofort beginnen (Wochen, nicht Monate):

  • Auf offene Dokumentenformate umstellen. Neue Dokumente in ODF statt .docx/.xlsx/.pptx speichern. Das kostet nichts, erfordert keinen Infrastrukturwechsel und schafft die Grundlage für jeden folgenden Schritt. Wer seine Daten in offenen Formaten hat, hat Optionen. Wer in proprietären Formaten steckt, hat keine.
  • Proprietäre Abhängigkeiten inventarisieren. Welche Anwendungen erfordern Windows? Welche nutzen Active-Directory-spezifische Funktionen? Welche haben keine Linux-kompatible Alternative? Eine Migration lässt sich nicht planen, ohne sie kartiert zu haben.

Jetzt, da Windows 10 das Support-Ende erreicht hat (seit Oktober 2025):

  • Linux auf den Arbeitsplätzen pilotieren, die es am wenigsten brauchen. Microsoft hat am 14. Oktober 2025 die Sicherheitsupdates für Windows 10 eingestellt. Jede Organisation steht jetzt vor der Wahl: für erweiterten Support zahlen, auf Windows 11 upgraden (was für viele Rechner neuere Hardware erfordert) oder Linux auf Hardware deployen, die noch funktioniert. Für Empfangsplätze, Kiosksysteme und Einzelzweck-Terminals ist Linux die naheliegende Antwort — und das Pilotprojekt verschafft Ihrem Team Migrationserfahrung, bevor es darauf ankommt.
  • LibreOffice flächendeckend einführen. Das ist der einzelne Schritt mit dem größten Hebel. Sowohl Schleswig-Holstein als auch das italienische Militär haben hier begonnen. Sobald LibreOffice Standard ist, wird das darunterliegende Betriebssystem zur austauschbaren Komponente.

Dieses Jahr (Projektplanung):

  • Interne Kompetenz aufbauen. Jede erfolgreiche Migration erforderte ein internes Team, das den neuen Stack verstand. Beginnen Sie jetzt mit Schulungen: Linux-Administration, Samba AD oder FreeIPA für Verzeichnisdienste, Ansible oder Salt für Konfigurationsmanagement. Die Gendarmerie hat ihr internes Team Jahre vor dem Vollausbau aufgebaut.
  • Institutionelle Verankerung sichern. Ein einzelner politischer Beschluss reicht nicht — München hat das bewiesen. Suchen Sie überparteilichen Konsens, verankern Sie die Migration in einer mehrjährigen IT-Strategie oder binden Sie sie an ein unabhängiges Gremium. Die Migration muss einen Regierungswechsel überstehen.

Akzeptieren und einplanen (Mehrjahreshorizont):

  • Nicht alles wird auf Linux laufen — und das ist in Ordnung. Keine erfolgreiche Migration hat 100 % der Systeme umgestellt. Fachanwendungen, die Windows erfordern, wird es weiterhin geben. Das anzuerkennen und Dual-Boot- oder Virtualisierungslösungen zu planen ist kein Scheitern — es ist die Professionalität, die Schleswig-Holsteins Ansatz von Münchens unterscheidet.
  • In 3–7 Jahren denken. Die Gendarmerie hat 20 Jahre gebraucht. Schleswig-Holstein plant mit 5–7. Die Organisationen, die Erfolg haben, sind die, die Migration als Infrastrukturmodernisierung behandeln — nicht als politisches Projekt mit Eröffnungstermin.

Die Frage ist nicht mehr, ob Linux auf dem Desktop funktioniert — das hat die französische Gendarmerie seit zwei Jahrzehnten bewiesen. Die Frage ist, ob Ihre Organisation begonnen hat, Optionalität aufzubauen, bevor sie gebraucht wird. Eine Migration dauert Jahre; eine Lizenzstörung dauert Tage. Der Zeitpunkt zu beginnen ist, solange die Wahl noch Ihre ist.

Quellen


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